Ortsteil-Porträt Kierdorf: Der Mann, der das Dorf schwarz machte
Kierdorf ist der Inbegriff des rheinischen Strukturwandels. Aus einem armen Bauerndorf wurde das Zentrum der frühen Braunkohleindustrie — getrieben von einem Mann, dessen braune Ziegel bis heute das Gesicht des Dorfs prägen: Carl Brendgen. Wer durch die Straßen geht, sieht die Geschichte in den Wänden.
Römer, Franken und ein Veteran der Legio I Germanica
Schon in der Latènezeit bestand hier eine Siedlung — Grabhügel zwischen Kierdorf und Köttingen belegen sie. Römische Gräber aus dem 2. und 3. Jahrhundert lieferten Glasbecher und Einhenkelkrüge.
Der Grabstein aus der Grube
Ein besonderer Fund: der Grabstein eines Veteranen der Legio I Germanica, entdeckt beim Abbau der Braunkohlengrube Vereinigte Ville. Ein Soldat, der nach seinem Dienst in der Legion hier seinen Ruhestand verbrachte — und nach 2.000 Jahren in einer Grube wieder auftauchte.
Als die Franken um 450 das Land übernahmen, rodeten sie im Auftrag des Königs die Wälder. Roggendorf, jahrhundertelang bedeutender als Kierdorf, wurde 1113 als „Rouchesdorp" erstmals urkundlich genannt. Der Name Kierdorf (Kirchdorf) erscheint 1233, als das Kölner Stift St. Severin dort Grundherrschaft und Zehntrechte besaß.
Carl Brendgen und das schwarze Gold
Aus einem armen Bauerndorf wurde ein Industriestandort — getrieben von Carl Brendgen (1837–1913). 1897 errichtete er die Brikettfabrik „Concordia" und pachtete Braunkohlenkonzessionen bei Liblar sowie die Grube „Hubertus" bei Zieselsmaar. Brendgen war nicht nur Industrieller, sondern auch Bauherr.
Die Brendgen-Klinker
Braune Ziegel aus lokaler Produktion gaben vielen Kierdorfer Häusern ihr unverkennbares Gesicht. Mit der Brikettfabrik wandelte sich das Dorf fundamental: Die Mehrheit arbeitete nun in Gruben und Fabrik, es entstanden Arbeitersiedlungen, das Leben richtete sich nach Schichten und Dampfzeiten.
Das Ende der Concordia
Als die Förderkapazität erschöpft war, schloss die Brikettfabrik „Concordia" am 1. Juli 1958 ihre Tore, 1959 folgte die Grube Donatus. Was blieb, waren die Erinnerung an eine Industrielandschaft und — heute — rekultivierte Natur. Wo früher Brikett fabriziert wurde, wachsen jetzt Wälder und Seen.
Der romanische Turm: Zeuge aus dem Jahr 1165
Das bedeutendste Baudenkmal Kierdorfs ist der romanische Turm der Pfarrkirche, der um 1165 entstand. An der Heerstraße stand schon vor dem Jahr 1000 eine kleine Saalkirche — ein Gotteshaus für Reisende auf dem alten Weg von Bonn nach Aachen. Wer den Turm heute sieht, blickt auf 850 Jahre ununterbrochene Geschichte.
Kierdorf heute
Durch den Kohleausstieg ist das Interesse an der Industriegeschichte wieder stark gestiegen. Die „Brendgen-Klinker" an den alten Häusern sind sichtbare Zeugen einer Epoche — Ziegel, die eine ganze Dorfgeschichte erzählen. Kierdorf, an der Bonn-Aachener Heerstraße und der A 1/A 61 gelegen, steht beispielhaft für den Wandel vom Industriestandort zur natürlichen Landschaft.
Quellen: Wikipedia (Kierdorf, Erftstadt), Stadtarchiv Erftstadt (Carl Brendgen), ErftstadtWiki (erftstadtwiki.de).