Ortsteil-Porträt Bliesheim: Das Dorf der zwei Gesichter
Foto: Bliesheim Frankenstraße, Straßenbild — Wikimedia Commons (CC-Lizenz)
Lokales

Ortsteil-Porträt Bliesheim: Das Dorf der zwei Gesichter

Wer heute an einem sonnigen Nachmittag durch Bliesheim spaziert, sieht ein Idyll: die Erft plätschert ruhig dahin, die Ville-Seenplatte lockt Spaziergänger an. Doch dieser Frieden trügt. Bliesheim ist ein Ort, an dem sich die dramatischsten Kapitel der Erftstädter Geschichte wie unter einem Brennglas sammeln — eine Dorflinde als Hexentanzplatz, ein Kind vor Gericht, ein Dorfbrand, der ein Wahrzeichen gebar, und eine Flut, die das halbe Dorf verschlang.

Der dunkle Schatten der alten Linde

Mitten im Dorf steht sie: die historische Dorflinde. Heute ein markanter Treffpunkt, war dieser Platz vor über 400 Jahren Schauplatz von Paranoia und Todesangst.

Akte Bliesheim · Der Hexentanzplatz (1604)

Schon lange vor der großen Verfolgungswelle im Rheinland geriet Bliesheim ins Visier der Inquisitoren. Eine Magd aus Weilerswist sagte 1604 unter Folter aus, sie sei mit Bliesheimer Frauen genau hier — „unter der Linde" — zum Hexentanz zusammengekommen. Aus dem Zentrum der Dorfgemeinschaft wurde plötzlich ein Ort des Misstrauens.

Ein Kind vor Gericht: Das Jahr 1629

Die Landesburg Lechenich ist berüchtigt für ihre Hexenprozesse. Doch der grausamste und einzig bekannte Kinderhexenprozess des gesamten Amtes spielte sich in Bliesheim ab.

Stell dir vor: Ein gerade einmal 12-jähriger Junge sitzt zitternd vor erwachsenen Männern, die über Leben und Tod entscheiden. Er berichtet verängstigt von der Begegnung mit einer „Teufelin".

  • Der Verrat: Seine eigenen Pflegeeltern sagten gegen ihn aus. Ihr fatales Argument? Der Junge bete „nur ungern".
  • Das Todesurteil: In einer Zeit, in der mangelnde Frömmigkeit sofort als Teufelspakt gedeutet wurde, reichte dieses Detail aus, um das Schicksal des Kindes zu besiegeln. Die erhaltenen Verhörprotokolle sind ein eiskaltes Zeugnis einer von Wahn getriebenen Gesellschaft.

Der Rohmedräjer: Wie ein Dorfbrand 1790 zum Wahrzeichen wurde

Wer durch Bliesheim geht, trifft immer wieder auf eine eigenwillige Figur: den Rohmedräjer. Er steht auf der Spitze des Bliesheimer Wappenbaums, er ziert die Standarte der Dorfgemeinschaft, und ein ganzer Platz hinter dem Wappenbaum trägt seinen Namen — der Rohmedräjerplatz. Dahinter steckt eine Geschichte, die mit einer Katastrophe beginnt.

Der große Dorfbrand · 1790

In der Woche vor Pfingsten 1790 löste ein altes Mütterchen am Herd eine Katastrophe aus: Heißes Rüböl in einer Pfanne fing Feuer, die Flammen schlugen bis zum pulvertrockenen Strohdach empor. Begünstigt durch Sommerhitze und Wind raste das Feuer die lange Straßenzeile entlang und machte erst hinter dem letzten Haus halt. Von 132 Häusern blieben nur 16 stehen. Zwei Menschen starben; eine aus den Flammen gerettete Frau brachte kurz danach ein Kind zur Welt.

Nach dem Brand schlugen die Bliesheimer im benachbarten Wald Bäume und trugen die Stämme auf den Schultern ins Dorf — fast alle Karren und Pferdewagen waren verbrannt. Diese Männer, die das rohe Holz auf den Schultern schleppten, nannte man in Mundart „Rohmedräjer". Besucher des Ortes griffen den Namen bald spöttisch auf: „Bliesheimer Rohmedräjer".

Heute sind die Bliesheimer stolz auf ihren Rohmedräjer. Seit der 950-Jahr-Feier ziert die Figur die Spitze des Wappenbaums; der Rohmedräjer-Club Bliesheim e.V. pflegt heimisches Brauchtum, und schon seit 1954 führt die Karnevalsgesellschaft den Rohmedräjer in ihrem Vereinswappen. Aus einem Spottname wurde ein Wahrzeichen.

Ein kleiner Aufkleber mit großer Geschichte

Vielleicht habt ihr ihn ja schon mal gesehen — den Rohmedräjer, klein und unauffällig, auf dem Heck eines Autos vor euch in der Schlange, am Parkplatz beim Bäcker, auf dem Weg zur Arbeit. Ein winziger Aufkleber, der eine ganze Dorfgeschichte trägt.

„Blisna": Das glänzende Wasser als Segen und Fluch

Schon die Römer wussten um die Magie dieses Ortes. Der Name leitet sich vom vorrömischen Wort „Blisna" ab — „glänzendes Wasser". Antike Münzen und eine Villa rustica belegen, dass man den Flusslauf schon früh schätzte. Bereits 1059 wurde der Ort in einer Papsturkunde des Kölner Erzbischofs Anno II. urkundlich erwähnt; das Stift St. Mariengraden verwaltete Bliesheim über Jahrhunderte als Unterherrschaft im Amt Lechenich.

Doch das Wasser der Erft forderte Jahrhunderte später seinen Tribut.

Die Jahrhundertflut · Juli 2021

Was als unvorstellbare Naturkatastrophe begann, wurde zur größten Bewährungsprobe der jüngeren Dorfgeschichte. Das Hochwasser traf das Altdorf mit voller Wucht, Straßen glichen reißenden Strömen, Unter- und Oberdorf mussten teils evakuiert werden.

Der Lichtblick: Während die tiefergelegenen Häuser unter Wasser standen, rückte ganz Bliesheim in diesen dunklen Stunden so eng zusammen wie nie zuvor.

Bliesheim heute: Stärker als die eigene Geschichte

Wer heute durch Bliesheim geht — perfekt angebunden an die A 553 und A 61 —, betritt nicht nur ein historisches Museum. Er betritt eine ländlich geprägte Gemeinschaft, die Inquisitionen, herrschaftliche Umbrüche, einen Dorfbrand und Naturkatastrophen überstanden hat und genau deshalb einen unverwüstlichen dörflichen Charakter besitzt.

Quellen: Wikipedia (Bliesheim, Erftstadt), Stadtarchiv Erftstadt (Hexenverfolgung im Amt Lechenich), bastgen.de (Die Hexenprozesse in Bliesheim 1629–1632), Rohmedräjer-Club Bliesheim e.V. (rohmedräjer.de), ErftstadtWiki (erftstadtwiki.de).

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