5 Jahre nach der Flut: Wie Erftstadt heute vor Hochwasser geschützt wird
Kurzübersicht
- Thema: Hochwasserschutz in Erftstadt — Stand Sommer 2026
- Anlass: Fünfter Jahrestag der Flutkatastrophe vom 14./15. Juli 2021
- Wichtigste Maßnahme: Retentionsraum Süd (K44) mit bis zu 1 Million Kubikmeter Stauraum
- Auftraggeber: Stadt Erftstadt (Konzept: Ingenieurbüro Fischer Teamplan)
- Umsetzung: Interkommunale Hochwasserschutzkooperation Erft (hwsErft) + Erftverband
- Status: Konzept vorgestellt, Planungen laufen — keine Maßnahme ist gebaut
- Eigenvorsorge: Elementarschadenversicherung prüfen, ZÜRS-Zone kennen
Inhalt
- Der Status Quo 2026: Was sich verändert hat
- Der Retentionsraum Süd: Wo das Wasser hin soll
- Die verworfene Idee: Warum die B265-Troglage nicht flutet
- Renaturierung als Schutz: Ein kurvenreicher Fluss bremst
- Rotbach und die anderen Stadtteile
- Sechs neue Rückhaltebecken im Erft-Einzugsgebiet
- Quick-Facts für Hauseigentümer
- Elementarschadenversicherung: Was Hausbesitzer wissen müssen
- Quellen und weiterführende Informationen
Fünf Jahre nach der Flutkatastrophe vom 14. und 15. Juli 2021 ist Hochwasserschutz in Erftstadt kein abgeschlossenes Kapitel, sondern ein fortlaufender Prozess. Wer heute durch Blessem geht, sieht die Abbruchkante — die Erosionskante, die die Erft in den Boden riss. Sie erinnert daran, was passierte, als der Fluss aus seinem Bett trat und eine Kiesgrube in den Untergrund fraß. Dieser Artikel ist ein Dossier. Er übersetzt die Planungsunterlagen der Stadt, des Ingenieurbüros Fischer Teamplan und des Erftverbands in klare Fakten.
Der Status Quo 2026: Was sich verändert hat
Die Stadt Erftstadt hat seit 2023 ein kommunales Hochwasserschutzkonzept erarbeiten lassen — beauftragt bei dem Ingenieurbüro Fischer Teamplan. Grundlage waren topografische Daten, hydraulische Berechnungen, Starkregenkarten und Erfahrungsberichte von Bürgerinnen und Bürgern, die in über 100 Workshops eingebracht wurden. Die Ergebnisse wurden im September 2025 der Öffentlichkeit vorgestellt.
Übergeordnet koordiniert wird der Hochwasserschutz durch die Interkommunale Hochwasserschutzkooperation Erft (hwsErft), die seit 2022 existiert und deren Mitglieder drei Kreise und 18 Kommunen umfasst. Die Kooperation hat nach eigenen Angaben über 100 Workshops durchgeführt, um Transparenz in den lokalen und interkommunalen Hochwasserschutz zu bringen. Im Juni 2026 feierte sie ihr vierjähriges Bestehen im Beisein des Staatssekretärs des Umweltministeriums NRW. Ein neuer „Regionalpakt für Hochwasserschutz Erft" wurde als Baustein des Hochwasserschutzpakts NRW begründet.
Die zentrale Botschaft aller Beteiligten: Hochwasserschutz ist nicht abgeschlossen, sondern ein fortlaufender Prozess. Keine der hier beschriebenen Maßnahmen ist bereits gebaut. Es handelt sich um Planungen, Konzepte und Projektierungen — der Stand der Dinge im Sommer 2026.
Der Retentionsraum Süd: Wo das Wasser hin soll
Die wichtigste Erkenntnis des kommunalen Hochwasserschutzkonzepts lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Wasser, das nicht mehr in den Siedlungen fluten soll, muss woanders aufgefangen werden.
Die Lösung, die sich aus den Berechnungen herauskristallisiert hat, ist ein Retentionsraum südlich der Kreisstraße 44 (K44), zwischen Bliesheim und Liblar. Dort könnte ein Stauraumvolumen von bis zu einer Million Kubikmetern Wasser geschaffen werden. Zum Vergleich: Eine Million Kubikmeter entspricht dem Volumen von 400 olympischen Schwimmbecken.
Der Retentionsraum wäre der primäre Schutzschild für die Ortslagen Bliesheim, Blessem, Frauenthal, Liblar und das Umfeld von Haus Buschfeld — alles Orte, die 2021 massiv überflutet wurden. Die Idee: Bei einem Hochwasserereignis wird das Wasser gezielt auf diese Fläche geleitet und dort zurückgehalten, bevor es unkontrolliert in die Siedlungen fließen kann.
Der Technische Beigeordnete Dirk Schulz erklärte dazu: „Vereinfacht gesagt müssen Flächen, die künftig nicht mehr in den Siedlungsbereichen geflutet werden sollen, an anderen Stellen ausgeglichen beziehungsweise aufgefangen werden. Dabei spricht man von Retentionsraum-Ausgleich."
Ein weiterer Vorteil des favorisierten Standortes: Der Erftverband plant in diesem Abschnitt eine Renaturierung der Erft. Beide Vorhaben — Hochwasserschutz und Gewässerökologie — könnten miteinander kombiniert werden.
Die verworfene Idee: Warum die B265-Troglage nicht flutet
Eine andere Idee kursierte lange in Erftstadt — besonders in Facebook-Gruppen: die Flutung der Troglage der B265. Die Bundesstraße 265 ist zwischen Liblar und Blessem tiefergelegt (Trog), und bei Hochwasser 2021 wurde sie zum tödlichen Fall: Wasser strömte in die Troglage, begrub Fahrzeuge unter sich, Menschen mussten in dramatischen Szenen aus Autos gerettet werden.
Die Idee, die Troglage gezielt als Retentionsraum zu nutzen, wurde offiziell verworfen. Die rechtlichen Vorgaben sehen vor, dass geplante Maßnahmen den Wasserstand und Abfluss bei Hochwasser nicht nachteilig verändern dürfen. Zudem muss der Schutz von Grund- und Trinkwasser sichergestellt sein. Diese Aspekte werden durch die Wasserbehörden des Rhein-Erft-Kreises und die Bezirksregierung überwacht.
Wer also in Online-Foren noch liest, die B265-Troglage solle geflutet werden, weiß: Dieser Vorschlag ist nach rechtlicher Prüfung vom Tisch. Der Retentionsraum Süd an der K44 ist die favorisierte Lösung.
Renaturierung als Schutz: Ein kurvenreicher Fluss bremst
Hochwasserschutz und Naturschutz sind keine Gegensätze — sie sind Verbündete. Ein kurvenreicher Fluss, der sich in Auen ausbreiten darf, nimmt der Strömung die zerstörerische Geschwindigkeit. Das ist das Prinzip der Renaturierung als Hochwasserschutz.
Das bislang größte Renaturierungsprojekt des Erftverbands läuft zwischen Erftstadt-Gymnich und Kerpen-Türnich. Ein vormals 2,5 Kilometer langer, begradigter Abschnitt des Erftflutkanals wird zu einem 5,5 Kilometer langen, gewundenen Flusslauf umgestaltet. Rund 280.000 Kubikmeter Boden werden dafür bewegt. Die neue Erft fließt durch eine vielfältige Auenlandschaft auf den ehemaligen Golfplatzflächen.
Am 23. Oktober 2025 wurde die Erft erfolgreich in ihr neues Flussbett umgeleitet — ein zentraler Meilenstein. Die Renaturierung dient der Wiederherstellung der ökologischen Durchgängigkeit, der Reaktivierung der Aue und der Stärkung der Klimaresilienz. Gleichzeitig behält das Gewässer ein großes Überschwemmungsgebiet, das bei Hochwasser als natürlicher Puffer wirkt.
Restearbeiten am alten Erftlauf verzögerten sich Anfang 2026 durch Kampfmittelverdacht — eine Erinnerung daran, dass in der Erftaue nicht nur Naturgeschichte liegt. Die Arbeiten sollen bis Sommer 2026 abgeschlossen werden.
Die Verbindung zum Tourismus: Wer den Erft-Radweg fährt, passiert dieses Renaturierungsgebiet. Die neue Erft ist nicht nur Schutzinfrastruktur — sie wird ein Erlebnisraum. Mehr über die Natur der Region erfährst du in unserem Artikel über die Ville.
Rotbach und die anderen Stadtteile
Erftstadt ist nicht nur die Erft. Der Rotbach und Starkregen haben 2021 auch Orte getroffen, die nicht direkt an der Erft liegen: Ahrem, Friesheim, Lechenich, Konradsheim und Dirmerzheim. Für diese Gewässer und Ortslagen laufen nach Angaben der Stadt parallel eigene hydraulische Berechnungen und Maßnahmenplanungen.
Der Erftverband projektiert im Rotbachtal zwischen Zülpich-Schwerfen und Mechernich-Eicks ein neues Hochwasserrückhaltebecken mit einem Volumen von bis zu 260.000 Kubikmetern. Die Planung soll im Sommer 2026 bei der Bezirksregierung Köln eingereicht werden.
Bürgermeisterin Carolin Weitzel betonte: „Wir wollen, dass die Bürgerinnen und Bürger schnell und wirksam vor kommenden Starkregen- und Hochwasserereignissen geschützt werden." Die Workshops der zweiten Serie im Frühjahr 2026 zogen rund 60 Interessierte an.
Sechs neue Rückhaltebecken im Erft-Einzugsgebiet
Über die lokalen Maßnahmen hinaus projektiert der Erftverband derzeit sechs neue Hochwasserrückhaltebecken im Einzugsgebiet von Swist, Rotbach und Erft. Zusammen mit bestehenden Becken sollen sie die Hochwassersicherheit in Erftstadt deutlich verbessern. Für die Swist wurde bereits ein geeigneter Standort für ein großes Rückhaltebecken identifiziert.
Ein Hochwasserrückhaltebecken (HRB) ist eine Stauanlage, deren Hauptzweck die Regulierung der Abflussmenge eines Fließgewässers bei Hochwasser ist. Das Wasser wird gestaut, kontrolliert zurückgehalten und verzögert abgelassen — um die Spitze der Hochwasserwelle abzuschneiden.
Quick-Facts für Hauseigentümer
Der Staat kann nicht vor jedem Starkregen schützen. Auch das beste Hochwasserschutzkonzept deckt keine extreme lokale Überschwemmung ab, die aus einem Wolkenbruch entsteht. Daher ist Eigenvorsorge ein zentraler Baustein.
- ZÜRS-Zone prüfen: Das Zonierungssystem für Überschwemmung, Rückstau und Starkregen (ZÜRS) teilt Deutschland in vier Gefährdungsklassen ein. Nach der Flut 2021 wurden viele Gebiete neu bewertet. Die eigene Zone lässt sich online unter zurszone.de oder über den Hochwasser-Check des Gesamtverbands der Versicherer (GDV) abfragen.
- Beratung vor Ort: Der Erftverband bietet eine Hochwasserschutzberatung an. Ein Infomobil hält Anschauungsmaterial zum allgemeinen Hochwasserschutz bereit. Die Beratung durch ausgewiesene Experten umfasst auch den Objektschutz — von Rückstauklappen über Wandöffnungen bis hin zur Sicherung von Heizöltanks. Termine werden auf erftverband.de bekanntgegeben.
- Starkregenmanagement: Auch wer nicht direkt am Fluss wohnt, kann durch Starkregen Schäden erleiden. Die Stadt Erftstadt informiert auf ihren Hochwasser-Seiten über das kommunale Schutzkonzept und laufende Planungen.
Elementarschadenversicherung: Was Hausbesitzer wissen müssen
Die Fakten: Ein normaler Gebäude- oder Hausratversicherungsvertrag zahlt bei Naturkatastrophen wie Starkregen, Hochwasser oder Überschwemmung nicht. Dafür ist ein Zusatzbaustein „Elementarschäden" zwingend nötig. Wer 2021 in Erftstadt von der Flut getroffen wurde und keine Elementarversicherung hatte, trug den Schaden selbst.
Die Entwicklung: Nach der Flut 2021 wurden die ZÜRS-Zonen in vielen Gebieten neu bewertet. Hauseigentümer sollten prüfen, in welcher Gefährdungsklasse (1 bis 4) ihr Gebäude aktuell liegt. Die Klasse 4 bedeutet das höchste Risiko. In Hochrisikogebieten können Versicherungen den Abschluss verweigern oder hohe Prämien verlangen.
Die Pflichtversicherung: Für 2026 ist die Einführung einer Elementarschadenversicherung-Pflicht in NRW in Diskussion. Ob und in welcher Form sie kommt, ist zum Zeitpunkt dieses Artikels noch nicht abschließend entschieden.
Wichtiger Hinweis: Wir sind Redakteure, keine Versicherungsberater. Dieser Artikel gibt keine Empfehlung zu konkreten Anbietern, Tarifen oder Klauseln. Wer Fragen zu seiner Absicherung hat, sollte sich von zertifizierten Experten beraten lassen.
Quellen und weiterführende Informationen
- Interkommunale Hochwasserschutzkooperation Erft: hws-kooperation.erftverband.de
- Erftverband — Hochwasserschutz: erftverband.de/hochwasser
- Erftverband — Renaturierung Gymnich: erftverband.de/gewaesserprojekt-gymnich
- Erftverband — Hochwasserschutzberatung: erftverband.de/hochwasserschutzberatung
- Stadt Erftstadt — Hochwasser-FAQ: erftstadt.de/hochwasser
- ZÜRS-Zone prüfen: zurszone.de
- GDV Hochwasser-Check: gdv.de/vera
- Umweltministerium NRW — hwsErft: umwelt.nrw.de
Fazit
Hochwasserschutz in Erftstadt ist ein Prozess, kein Ergebnis. Der Retentionsraum Süd an der K44 ist die zentrale Maßnahme des kommunalen Konzepts — bis zu eine Million Kubikmeter Wasser sollen dort im Ernstfall zurückgehalten werden. Die B265-Troglage als Flutungsfläche ist nach rechtlicher Prüfung verworfen. Sechs neue Rückhaltebecken im Erft-Einzugsgebiet und die Renaturierung in Gymnich ergänzen den Schutz. Und für Hauseigentümer gilt: Prüfen Sie Ihre ZÜRS-Zone, informieren Sie sich beim Erftverband — und klären Sie, ob Ihre Versicherung bei Elementarschäden zahlt.



